Version vom 9. März 1992
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Dialogue
P O Box 44
Chipping Campden
Glos GL55 6YN
Großbritannien
Deutsche Übersetzung von Hanna Mandl
Copyright © 2000 bei Hanna Mandl, mlp@mlp.co.at
Wir schlagen ein gemeinsames Erkunden vor, nicht nur des Inhalts, was wir sagen,
denken und fühlen, sondern auch der tiefer liegenden Motivationen, Annahmen
und Überzeugungen, die uns dazu veranlassen.
Dialog, so wie wir das Wort verwenden, ist ein Weg, die Hintergründe der
vielen Krisen zu untersuchen, mit denen Menschen sich heute konfrontiert sehen.
Der Dialog ermöglicht uns das Erkunden und Verstehen jener Prozesse, die
eine wirkliche Kommunikation zwischen Individuen, Nationen und sogar Teilen
ein und derselben Organisation beeinträchtigen. In unserer modernen Kultur
haben Männer wie Frauen die Möglichkeit, einander auf verschiedenste
Art zu begegnen: Sie können ohne Schwierigkeiten miteinander singen, tanzen
oder spielen, aber Fragen miteinander zu besprechen, die sie wirklich betreffen,
führt scheinbar ausnahmslos zu Streit, Entzweiung und oft auch zu Gewalt.
Wir glauben, dass dieser Umstand auf eine grundlegende Unvollkommenheit im menschlichen
Denkprozess hinweist, die überall vorhanden ist.
Im Dialog wird es einer Gruppe möglich, individuelle und kollektive Voraussetzungen,
Ideen, Überzeugungen und Gefühle zu erkunden, welche die Interaktionen
auf subtile Weise beeinflussen. Der Dialog bietet Gelegenheit, an einem Prozess
teilzunehmen, der Kommunikationsstärken und Kommunikationsschwächen
aufzeigt. Er kann die rätselhaften und chaotischen Muster aufdecken, die
eine Gruppe oft dazu veranlassen, gewisse Fragen zu vermeiden, oder aber gegen
alle Vernunft an Meinungen festzuhalten und sie zu verteidigen.
Dialog ist ein Weg, gemeinsam zu beobachten, wie verborgene Werte und Absichten
unser Verhalten bestimmen und wie unbemerkte, kulturelle Unterschiede aufeinanderprallen,
ohne dass wir bemerken, was sich eigentlich abspielt. Er ist wie eine Bühne,
auf der kollektives Lernen stattfindet und auf der ein Gefühl zunehmender
Harmonie, Kollegialität und Kreativität entstehen kann.
Dialog ist dem Wesen nach erkundend, und so entwickeln seine Bedeutung und Methoden
sich ständig weiter. Für das Führen eines Dialogs können
keine strengen Regeln festgelegt werden, denn seine Essenz ist Lernen - nicht
als Resultat der Aufnahme von Informationen oder Doktrinen, die von einer Autorität
festgelegt wurden, und auch nicht als Mittel, eine bestimmte Theorie oder ein
Programm zu prüfen und kritisieren, sondern als Teil eines fortwährenden
Prozesses von kreativem Miteinander unter Gleichgesinnten.
Trotzdem ist es uns wichtig, dass die Bedeutung und der Hintergrund von Dialog
verstanden werden.
Unser Zugang zu dieser Form von Dialog entwickelte sich aus einer Reihe von
Gesprächen, die 1983 begannen und in denen wir David Bohm´s Anregung
untersuchten, die alles beherrschende Inkohärenz im menschlichen Denkprozess
sei die eigentliche Ursache der endlosen Krisen, die uns beschäftigen.
Dies brachte uns dazu, in den darauffolgenden Jahren eine Anzahl breiterer Gespräche
und Seminare in verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Gruppen zu veranstalten,
die dann wiederum die Form von Dialogen annahmen.
In der Fortsetzung dieser Arbeit wurde uns immer klarer, dass dieser Dialogprozess
ein sehr wirksames Mittel ist, zu verstehen, wie Denken funktioniert. Wir sahen,
dass unsere Welt fast ausschließlich von menschlicher Initiative und folglich
von menschlichem Denken erschaffen wird. Der Raum, in dem wir sitzen, die Sprache,
in der diese Worte geschrieben sind, unsere nationalen Grenzen, unsere Wertsysteme,
und sogar das, was wir für unsere direkte Wahrnehmung der Realität
halten, sind eigentlich Manifestationen der Art und Weise, wie Menschen denken
oder gedacht haben. Wir begreifen, dass wir Krisen nicht bewältigen und
nicht mehr als temporäre Lösungen für die gewaltige Menge menschlicher
Probleme finden können, wenn wir nicht willens sind, die Situation genauer
anzuschauen und tiefere Einsichten daraus zu gewinnen.
Wir verwenden das Wort "Gedanke" hier nicht ausschließlich als
Bezeichnung für die Ergebnisse unseres bewussten Intellekts, sondern auch
als Bezeichnung für unsere Eindrücke, Gefühle, Absichten und
Wünsche. Es schließt auch subtiles, konditioniertes Lernen ein, wie
jenes, welches uns gestattet, der Szenenfolge eines Kinofilms Sinn zu geben
oder abstrakte Symbole auf Straßenschildern zu verstehen. Dazu gehören
auch die stillen, nicht sprachlichen Prozesse, die wir benützen, wenn wir
uns mechanische Basisfähigkeiten wie Radfahren aneignen. Im Wesentlichen
ist ein Gedanke sozusagen die aktive Reaktion des Gedächtnisses auf jede
Lebensphase. Im Grunde genommen wird unser gesamtes Wissen in Form von Gedanken
generiert, entwickelt, kommuniziert, verändert und angewandt.
Damit diese Auffassung noch deutlicher wird, schlagen wir vor, mit Hilfe von
ein wenig Achtsamkeit auch das, was man rationales Denken nennt, als konditionierte
Reaktionen, die von früheren Gedanken gesteuert sind, wahrzunehmen. Wenn
wir das, was wir im allgemeinen für die Realität halten, genau betrachten,
dann beginnen wir zu sehen, dass sie eine Ansammlung von Konzepten, Erinnerungen
und Reflexen ist, die ihrerseits von unseren persönlichen Bedürfnissen,
Ängsten und Wünschen gefärbt sind. Diese wiederum werden vom
Umfang unserer Sprache, unseren historischen, geschlechtsbezogenen und kulturellen
Gewohnheiten eingeschränkt und verzerrt. Es ist sehr schwierig, dieses
Durcheinander zu analysieren oder jemals sicher zu sein, ob unsere Wahrnehmung
- oder das, was wir über diese Wahrnehmung denken - überhaupt stimmt.
Was diese Situation so ernst macht ist, dass unser Denken diese Probleme im
allgemeinen vor unserem unmittelbaren Bewusstsein verbirgt und uns erfolgreich
vorgaukelt, die Methode mittels derer jeder einzelne die Welt interpretiert,
sei die einzig vernünftige.
Wir brauchen ein Mittel, das den Denkprozess
verlangsamt, sodass wir ihn beobachten können noch während er abläuft.
Unsere physischen Körper haben eine Fähigkeit, die dem Denken fehlt.
Wenn sie einen Arm heben, dann wissen sie, dass sie diese Aktion ausführen
wollen, dass es nicht jemand anderer ist, der es für sie tut. Dies nennen
wir Propriozeption oder Eigenempfindung. Wir können uns unserer Körperbewegungen
bewusst sein noch während sie ablaufen, aber im Bereich des Denkens fehlt
uns diese Fähigkeit meistens. Ein Beispiel: Wir bemerken nicht, wie unsere
Haltung einer bestimmten Person gegenüber stark davon beeinflusst wird,
wie wir über jemand dritten denken, der im Verhalten oder Aussehen dieser
Person gleicht. Wir gehen davon aus, dass unsere Haltung direkt vom momentanen
Verhalten unseres Gegenübers bestimmt ist. Das Problem mit dem Denken ist:
Jene Art der Achtsamkeit, die nötig ist, um die Inkohärenz zu bemerken,
steht uns dann, wenn wir sie am dringendsten brauchen, selten zur Verfügung.
Warum Dialog?
Dialog soll einen Raum schaffen, in welchem diese Achtsamkeit gegeben ist. Er
gestattet das Ausbreiten von Gedanken und Interpretationen, was eine Art kollektive
Eigenempfindung oder das unmittelbare Zurückspiegeln von zwei Dingen ermöglicht:
dem Inhalt des Denkens sowie dem weniger Augenscheinlichen, den dynamischen
Strukturen, welche das Denken beherrschen. Im Dialog kann dies sowohl auf der
individuellen als auch auf der kollektiven Ebene erfahren werden. Jede/r Zuhörende
kann jeder/m Redenden und auch der Gruppe seine Ansicht über Annahmen,
unerwähnte Auswirkungen des Gesagten und auch das, was vermieden wird,
spiegeln. Das gibt jedem/r Gelegenheit, Vorbedingungen, Vorurteile und charakteristische
Muster, die seinem /ihrem Denken, Meinungen, Überzeugungen und Gefühlen
zugrunde liegen zusammen mit den Rollen, die er oder sie für gewöhnlich
gern übernimmt, zu untersuchen. Und überdies besteht die Gelegenheit,
diese Einsichten mit andern zu teilen.
Das Wort "Dialog" hat zwei Wurzeln: "dia", was soviel wie
"durch" bedeutet und "logos", was das "Wort" oder
genauer "die Bedeutung des Wortes" meint. Die Vorstellung, die es
hervorruft, ist die eines Flusses von Bedeutung, der um und durch die Teilnehmer
fließt. Beliebig viele Personen können am Dialog teilnehmen. Man
kann sogar einen Dialog mit sich selber führen. Aber jener empfohlene Dialog
umfasst eine Gruppe zwischen zwanzig und vierzig Personen, die im Kreis sitzend
miteinander sprechen.
Man kann verstehen, welche Bedeutung solch ein Dialog haben konnte, wenn man
Berichte über Jäger- und Sammlergesellschaften ungefähr dieser
Größe studiert, die einander trafen und miteinander sprachen, ohne
eine sichtbare Agenda oder einen vorherbestimmten Zweck zu erfüllen. Solche
Zusammenkünfte schienen eine wichtige Verbindung und ein Gefühl der
Zusammengehörigkeit zu schaffen und zu verstärken. Alle Beteiligten
wussten, was von ihnen erwartet wurde, ohne dass Instruktionen oder ein verbaler
Austausch nötig war. Mit andern Worten, innerhalb der Gruppe entstand etwas,
das man geteilten Sinn innerhalb einer kohärenten Kultur nennen könnte.
Es ist gut möglich, dass diese Kohärenz in historischen Gemeinschaften
existierte bevor technologische Metaphern unsere praktischen Kenntnisse über
die lebendige Natur ersetzten.
Dr. Patrick de Mare, ein in London praktizierender Psychiater, hat in ähnlichem
Zusammenhang Pionierarbeit geleistet. Er hat Gruppen ähnlicher Größe
mit dem von ihm als "Soziotherapie" beschriebenen Zweck gegründet.
Er meint, dass die primäre Ursache der tiefen und alles beherrschenden
Krankheit unserer Gesellschaft auf der soziokulturellen Ebene gefunden werden
kann, und dass solche Gruppen als Mikrokulturen dienen können, mit Hilfe
derer die Quelle unserer Zivilisationskrankheit sichtbar wird. Unsere Erfahrung
hat uns dazu veranlasst, den Dialogbegriff zu erweitern, indem wir die wesentliche
Rolle des aktiven Denkens bezüglich Schaffung und Aufrechterhaltung dieser
Situation hervorheben und ihr ganz besondere Beachtung schenken.
Dialog als Mikrokosmos einer breiteren Kultur gestattet, ein weites Spektrum
von möglichen Zusammenhängen aufzudecken. Er kann den Einfluss des
Individuums auf die Gesellschaft und den Einfluss der Gesellschaft auf das Individuum
aufzeigen. Er kann zeigen, wie Macht gewonnen oder gegeben wird, und wie beherrschend
die oft versteckten Regeln jenes Systems sind, das unsere Kultur ausmacht. Aber
am allermeisten ist Dialog damit befasst, die Dynamik zu verstehen, wie unser
Denken derartige Verbindungen schafft.
Er ist weder daran interessiert, Verhalten absichtlich zu verändern, noch
die TeilnehmerInnen auf ein vorbestimmtes Ziel hin zu bewegen. Jeder Versuch
dieser Art würde genau die Prozesse verzerren und verschleiern, welche
der Dialog erforschen möchte. Dennoch findet Veränderung statt, denn
beobachtetes Denken verhält sich anders als unbeobachtetes Denken. Dialog
kann dem Denken und Fühlen eine Chance geben, in einer ständig sich
verbindenden Bewegung frei zu spielen. Spezielle oder persönliche Themen
werden mit Fragen tieferer oder allgemeiner Bedeutung verknüpft. Alles
kann Gesprächsgegenstand sein und kein Thema wird ausgeschlossen. Solche
Veranstaltungen sind in unserer Kultur eine Seltenheit.
Sinn und Zweck
Meistens kommen Menschen zusammen, um eine Aufgabe zu erfüllen oder um
sich zu unterhalten; beides kann als vorbestimmter Zweck bezeichnet werden.
Aber seiner Natur gemäß steht Dialog nicht mit irgendwelchen Zielen
in Einklang, die über das Interesse der TeilnehmerInnen an der Entfaltung
und Entdeckung eines gemeinsamen Sinns hinausgehen. Dieser mag gelegentlich
unterhaltsam oder erhellend sein, zu neuen Einsichten führen oder bestehende
Probleme betreffen. Oft aber wird der Dialog in der Anfangsphase als frustrierend
erlebt.
Wenn eine Gruppe eingeladen wird, ihre Zeit und Aufmerksamkeit einer Sache zu
widmen, die weder ein sichtbares Ziel noch irgendeine bestimmte Richtung hat,
wird sie schnell sehr viel Angst oder Ärger empfinden. Dies kann bei einigen
das Bedürfnis auslösen, entweder die Gruppe zu sprengen oder Kontrolle
zu übernehmen und eine Richtung vorzugeben. Ursprünglich nicht bekannte
Ziele werden sich zeigen. Starke Gefühle sowie dahinter liegende Gedanken
werden offenbar. Es kann geschehen, dass starre Positionen bezogen werden und
daraus Polarisierung resultiert. Das alles ist Teil des Prozesses. Dies hält
den Dialog aufrecht und lässt ihn beständig auf schöpferische
Art in neue Bereiche vordringen.
In einer Versammlung von zwanzig bis vierzig Personen können extreme Frustration,
Ärger, Konflikt oder andere Schwierigkeiten auftauchen, aber für eine
Gruppe dieser Größe ist es leicht, derartigen Problemen Raum zu geben.
Tatsächlich können sie das Zentrum der Erkundung werden, was wir als
eine Art "Metadialog" verstehen, der wiederum den eigentlichen Dialogprozess
klärt.
Während Einfühlsamkeit und Erfahrung wachsen, taucht ein Gefühl
gemeinsam geteilten Sinns auf, in welchem die TeilnehmerInnen entdecken, dass
sie weder opponieren noch sich gegenseitig beeinflussen müssen. Das wachsende
Vertrauen in der Gruppe - und das Vertrauen in den Prozess - führen schließlich
dazu, dass Gedanken und Gefühle ausgedrückt werden, die für gewöhnlich
versteckt bleiben. Da gibt es weder einen auferlegten Konsens, noch gibt es
Versuche, Konflikte zu vermeiden. Keinem einzelnen und keiner Untergruppe ist
es möglich zu dominieren, denn jedes Thema, auch Dominanz und Unterwerfung,
stehen jederzeit als Thema zur Verfügung.
Die Teilnehmer sind in einem sich ständig verändernden und entwickelnden
Feld gemeinsamer Bedeutung verbunden. Es entfaltet sich ein gemeinsames Bewusstsein,
das ein Mass an Kreativität und Einsichten gewährt, welches für
gewöhnlich Individuen oder Gruppen, die in althergebrachten Zusammenhängen
interagieren, nicht zugänglich ist. Dies zeigt uns einen Aspekt von Dialog,
den Patrick de Mare "Koinonia" genannt hat. Das Wort meint "unpersönliche
Gemeinschaft", was ursprünglich benutzt wurde, um eine frühe
Form der Athener Demokratie zu bezeichnen, in der sich alle freien Männer
der Stadt zum Regieren versammelten.
Sobald diese Gemeinschaft erfahren wird, gewinnt sie vor dem offenkundigeren
Inhalt des Gesprächs Vorrang. Das ist eine sehr wichtige Phase im Dialog,
ein Moment von vermehrter Kohärenz, in welchem die Gruppe fähig ist,
sich über ihre gedachten Hindernisse und Beschränkungen hinaus in
neues Terrain zu bewegen. Aber es ist auch ein Moment, wo die Gruppe sich möglicherweise
entspannt und in dem "High" badet, das diese Erfahrung begleitet.
Das ist auch der Punkt, der manchmal Verwechslung von Dialog und manchen Formen
der Psychotherapie verursacht. Die Teilnehmer wollen vielleicht die Gruppe zusammenschmieden
um die angenehmen Gefühle von Sicherheit und Zusammengehörigkeit,
welche dieses Stadium begleiten, zu erhalten. Das gleicht dieser Art von Gemeinschaftsgeist,
die oft in Therapiegruppen erreicht wird oder auch in "Teambuilding-Workshops",
wo es als Beweis für den Erfolg der benutzten Methode gewertet wird. Jenseits
dieses Punktes liegen aber bedeutsamere und subtilere Bereiche der Kreativität,
Intelligenz und Einsichten, welche nur durch den fortgesetzten Prozess der Erkundung
erreicht werden, und das Risiko in Kauf nehmen, in chaotische und womöglich
frustrierende Unsicherheit zurückzufallen.
Was Dialog nicht ist
Dialog ist nicht Diskussion, ein Wort das die Wurzel "discutere" hat,
was "zerschlagen", zerteilen bedeutet. Er ist auch nicht Debatte.
Diese Formen der Konversation enthalten die implizite Tendenz auf ein Ziel hinzusteuern,
ein Übereinkommen zu erzielen, ein Problem zu lösen, oder eine Meinung
als vorherrschende herauszuarbeiten. Er ist auch kein "Salon", eine
Zusammenkunft, die zugleich informell ist, meist unterhaltenden Charakter hat,
Freundschaften fördert und Gerüchte und andere Informationen in Umlauf
bringt. Obwohl das Wort Dialog oft in ähnlichen Zusammenhängen verwendet
wird, impliziert seine tiefere, ursprüngliche Bedeutung kein primäres
Interesse an dem vorher geschilderten.
Dialog ist kein neuer Name für T-Gruppen oder Selbsterfahrungsgruppen,
obwohl es oberflächlich gesehen einige Ähnlichkeit mit diesen und
anderen verwandten Arten der Gruppenarbeit hat. Seine Auswirkungen mögen
therapeutisch sein, aber er versucht weder, jemanden von seinen emotionalen
Blockaden zu befreien, noch jemanden zu unterweisen, schulen oder zu analysieren.
Nichtsdestoweniger ist es ein Bereich, wo Lernen und die Auflösung von
Blockaden stattfinden kann und oft stattfindet. Er ist keine Technik, für
das Lösen von Problemen oder Konflikten, obwohl sehr wohl Probleme im Laufe
eines Dialogs oder vielleicht später als Folge eines erweiterten Gemeinschaftsverständnisses
der Teilnehmer gelöst werden können. Er ist, wie wir schon betont
haben, primär ein Mittel, um das Gebiet des Denkens zu erforschen.
Dialog gleicht und enthält vielleicht manchmal Aspekte von andern Formen
der Gruppenarbeit, aber eigentlich ist er etwas Neues in unserer Kultur. Wir
glauben, dass er eine Aktivität ist, welche sich als überlebenswichtig
für die zukünftige Gesundheit unserer Zivilisation herausstellt.
Wie man einen Dialog beginnt
In der Schwebe halten von Gedanken, Impulsen. Beurteilungen, usw. bilden
das eigentliche Herzstück des Dialogs. Es ist einer seiner wichtigsten
neuen Aspekte. Es wird nicht so leicht verstanden, denn diese Aktivität
ist sowohl ungewohnt als auch subtil. In Schwebe halten involviert Achtsamkeit,
Zuhören, Zuschauen und ist essentiell für das Erkunden. Sprechen ist
natürlich wichtig, denn ohne Sprechen gäbe es im Dialog nichts zu
erkunden, aber der eigentliche Prozess des Erkundens findet beim Zuhören
- den andern und auch sich selber - statt. In Schwebe halten heißt, Reaktionen,
Impulse, Gefühle und Meinungen in einer Art offenzulegen, dass sie in der
eigenen Psyche wahrgenommen und gespürt werden, und von anderen in der
Gruppe gespiegelt werden können. Es bedeutet nicht, sie zu unterdrücken
oder sie für später aufzuschieben. Es bedeutet einfach, ihnen ernsthafte
Aufmerksamkeit zu schenken, so dass ihre Struktur beobachtet werden kann während
sie stattfinden. Wenn sie fähig sind, jenen starken Gefühlen Aufmerksamkeit
zu schenken, die das Aussprechen eines bestimmten Gedankens begleiten - von
ihnen oder jemand anders - und fähig sind, diese Aufmerksamkeit zu halten,
wird sich der Gedankenprozess verlangsamen. Dies erlaubt ihnen dann die tiefere
Bedeutung, die diesem Gedankenprozess zugrunde liegt, zu sehen und die oft zusammenhanglose
Struktur irgendeiner Handlung wahrzunehmen, die sie sonst möglicherweise
automatisch ausführen. Wenn die Gruppe auch imstande ist, solche Gefühle
in Schwebe zu halten, und die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, kann der allgemeine
Prozess, der vom Gedanken über das Gefühl zum Ausagieren in der Gruppe
führt, verlangsamt werden und seine tiefere, subtilere Bedeutung wird zusammen
mit impliziten Verzerrungen sichtbar. Das wiederum führt zu einer neuen
Art der kohärenten, kollektiven Intelligenz.
Gedanken, Impulse, Beurteilungen, usw., in Schwebe zu halten, erfordert wirkliche
Achtsamkeit für den gesamten Prozess, den wir besprochen haben - sowohl
den eigenen als auch den der Gruppe. Das erfordert anfangs viel Mühe. Aber
wenn man durchhält, entwickelt sich die eigene Fähigkeit für
eine derartige Achtsamkeit ständig weiter, sodass immer weniger Anstrengung
erforderlich ist.
Anzahl der TeilnehmerInnen: Ein Dialog funktioniert am besten mit zwanzig
bis vierzig Personen, die sich in einem einfachen Kreis gegenübersitzen.
Diese Gruppengröße ermöglicht das Auftauchen und Beobachten
von verschiedenen Untergruppen oder Subkulturen, was das Aufdecken von verschiedenen
Arten des kollektiven Denkens unterstützt. Das ist wichtig, denn die Unterschiede
zwischen diesen Subkulturen sind oft eine unerkannte Ursache von misslungener
Kommunikation und schwelenden Konflikten. Kleineren Gruppen fehlt oft die notwendige
Verschiedenheit, um diese Tendenz zu sehen und man wird im allgemeinen die vertrauteren,
persönlichen Rollen und Beziehungen (z.B. Familienrollen und -beziehungen)
betonen.
In einigen Gruppen hatten wir sogar sechzig TeilnehmerInnen, aber mit einer
so großen Gruppe wird der Prozess schwerfällig. Es braucht zwei konzentrische
Kreise, damit alle einander hören und sehen können. Das bringt jenen
in der zweiten Reihe einen Nachteil, und außerdem haben weniger Personen
Gelegenheit zu sprechen.
Wir sollten hier erwähnen, dass manche TeilnehmerInnen sehr viel sprechen
und andere es schwierig finden, vor einer großen Gruppe zu reden. Es ist
doch wertvoll sich daran zu erinnern, dass das Wort "partizipieren"
zwei Bedeutungen hat: "teilen mit" und "teilhaben an". Zuhören
ist mindestens so wichtig wie sprechen. Oft werden die Ruhigeren mehr zu sprechen
beginnen, sobald ihnen die Dialogerfahrung vertrauter wird, und die Dominanteren
werden dazu tendieren, immer weniger zu sprechen und mehr zuzuhören.
Zeitdauer: Ein Dialog braucht Zeit bis er fließt. Er ist eine ungewohnte
Art, mit andern zusammen zu sein, und daher braucht es eine Art Einführung.
Aber sogar mit einer klaren Einführung wird eine Gruppe Verwirrung, Frustration
und Befangenheit erleben und sich fragen, ob sie nun eigentlich Dialog führt
oder nicht. Es wäre sehr optimistisch anzunehmen, dass ein Dialog schon
beim ersten Treffen zu fließen beginnt oder eine gewisse Tiefe erreicht.
Es ist wichtig zu betonen, dass einige Ausdauer nötig ist.
Wenn man einen Dialog einberuft, ist es nützlich, sich gleich anfangs über
die Dauer der Sitzung zu verständigen und jemanden zu haben, der/die auf
die Zeit achtet. Wir haben herausgefunden, dass zwei Stunden eine optimale Dauer
sind. Längere Sitzungen riskieren einen Müdigkeitsfaktor, der oft
die Qualität der Teilnahme einschränkt. Viele T-Gruppen nutzen den
Müdigkeitsfaktor in ausgedehnten "Marathonsitzungen", um den
Widerstand seitens der TeilnehmerInnen zu brechen. Aber Dialog beschäftigt
sich mehr damit, soziale Konstrukte und Widerstände, die unsere Kommunikation
beeinträchtigen, zu erforschen anstatt sie zu umgehen.
Je regelmäßiger sich die Gruppe trifft, desto tiefer und sinnvoller
wird das Terrain erforscht werden. Oft wurden Wochenenden dazu verwendet, mehrere
Sitzungen zu ermöglichen, aber wenn der Dialog sich über eine längere
Zeitspanne erstreckt, raten wir zu einer Woche Pause zwischen jedem Treffen,
damit jede/r das Gesagte reflektieren und weiterdenken kann. Es gibt kein zeitliches
Limit für Erkunden in der Gruppe. Es wäre gegen den Geist von Dialog,
das festzulegen oder zu institutionalisieren. Es bedarf auch der Offenheit für
einen sich ständig ändernden Teilnehmerkreis, sich verändernde
Termine oder für sich einschleichende Starrheiten, oder einfach dafür,
dass sich die Gruppe nach einiger Zeit auflöst.
Führung: Ein Dialog ist im wesentlichen ein Gespräch unter
Gleichberechtigten. Jegliche Kontrolle, gleichgültig wie achtsam und sensibel,
wird wahrscheinlich den freien Fluss der Gedanken sowie subtile oder unangenehme
Gefühle verhindern und deren Ausdruck hemmen. Dialog kann leicht manipulierend
eingesetzt werden, aber das passt nicht zu dem Geist. Hierarchie hat keinen
Platz im Dialog.
Und doch ist anfangs eine Anleitung notwendig, um den TeilnehmerInnen zu helfen,
die feinen Unterschiede zwischen Dialog und anderen Gruppenprozessen zu erkennen.
Mindestens einer oder besser zwei erfahrene DialogbegleiterInnen sind unentbehrlich.
In ihrer Rolle sollten sie gelegentlich auf Situationen hinweisen, die wesentliche
Punkte für die Gruppe enthalten, kurz, sie sollten den Prozess der kollektiven
Selbstwahrnehmung fördern. Diese Interventionen sollten sich aber nie aufdrängen
oder manipulieren. Die Führenden sind TeilnehmerInnen wie alle anderen
auch. Anleitung, wenn sie sich als notwendig erweist, sollte immer "aus
dem Hintergrund" erfolgen und aus dem Bestreben erwachsen, sich so rasch
wie möglich überflüssig zu machen.
Diese Ausführungen sind jedoch kein Ersatz für erfahrene DialogbegleiterInnen.
Wir empfehlen, mit der Gruppe am Anfang des ersten Treffens alles durchzulesen,
so dass alle TeilnehmerInnen sicher sein können, sich auf das gleiche Abenteuer
einzulassen.
Gesprächsgegenstand: Der Dialog kann mit jedem beliebigen Thema,
das die TeilnehmerInnen interessiert, beginnen. Wenn einige in der Gruppe finden,
dass bestimmte Wortwechsel oder Themen störend oder unpassend sind, ist
es wichtig, dass sie diese Gedanken im Dialog ausdrücken. Keine Inhalte
sollten ausgeklammert werden.
Oft werden Teilnehmer erst nach der Sitzung Kritik oder Frustration äußern
oder zu tratschen beginnen. Es ist aber genau jenes Material, das den fruchtbarsten
Ansatz dafür bietet, den Dialog in tiefere Bereiche und Zusammenhänge
jenseits der Oberflächlichkeit von "group think", guter Manieren
oder Partykonversation zu bewegen.
Dialog in bestehenden Organisationen
Bis jetzt haben wir hauptsächlich Dialoge besprochen, welche Personen mit
eher unterschiedlichem Hintergrund zusammenbringen. Sein großer Wert kann
aber auch von Mitgliedern einer bestehenden Organisation erfahren werden; als
Methode, die Kreativität des Unternehmens zu fördern und zu bereichern.
In diesem Fall wird sich der Dialogprozess entscheidend verändern. Die
Mitglieder einer bestehenden Organisation werden wahrscheinlich schon unterschiedliche
Beziehungen untereinander und mit ihrer Organisation entwickelt haben. Da gibt
es vielleicht eine existierende Hierarchie oder ein starkes Bedürfnis,
Kollegen, das Team oder eine Abteilung zu schützen. Da könnte es Ängste
geben, Gedanken zu formulieren, die als Kritik an Ranghöheren oder an Normen
innerhalb der Organisationskultur gesehen werden. Es könnte so scheinen
als wären Karrieren oder die soziale Akzeptanz einzelner Mitglieder durch
eine Teilnahme an einem Prozess gefährdet, der Transparenz, Offenheit,
Ehrlichkeit Spontaneität und ein tiefes gegenseitiges Interesse an anderen
betont. Lang verborgene Wunden können aufbrechen.
In einer bestehenden Organisation ist es sehr wahrscheinlich, dass der Dialog
mit einer Untersuchung all jener Zweifel und Ängste beginnen muss, welche
die Teilnahme sicherlich hervorbringt. Vielleicht müssen Mitglieder mit
einer ziemlich genauen Agenda beginnen, von der sie dann auch ermuntert werden,
abzuweichen. Das ist anders als mit den einmaligen oder selbstgewählten
Gruppen, in denen TeilnehmerInnen mit jedem Gesprächsgegenstand beginnen
können. Aber wie schon gesagt, kein Thema sollte ausgeklammert werden,
denn schon der Impuls, bestimmte Themen auszuschließen, ist reiches Material
für eine Erkundung.
Die meisten Organisationen haben an sich schon vorbestimmte Ziele und Zwecke,
die selten in Frage gestellt werden. Auf den ersten Blick scheint das vielleicht
nicht zusammenzupassen mit dem freien und offenen Spiel der Gedanken, das für
den Dialogprozess so wesentlich ist. Aber auch das kann gemeistert werden, wenn
den TeilnehmerInnen von Anfang an geholfen wird, zu sehen, wie wichtig das Berücksichtigen
dieser Themen für das Wohlbefinden der Organisation sein kann und dass
damit sowohl die Selbstachtung der TeilnehmerInnen als auch die Wertschätzung
durch andere vermehrt werden kann.
Das kreative Potential von Dialog ist groß genug und gestattet das zeitweise
in Schwebe halten jeglicher Strukturen und Beziehungen, welche die Organisation
ausmachen.
Schließlich wollen wir betonen, dass wir Dialog weder als Allheilmittel
noch als Methode oder Technik sehen, die geschaffen ist, um an die Stelle aller
anderen Formen sozialer Interaktionen zu treten. Nicht jede/r wird ihn nützlich
finden, noch wird er in jedem Kontext brauchbar sein. Es gibt viele wertvolle
therapeutische Methoden für Gruppen und es gibt auch genug Aufgaben, die
eine starke Führung und eine straffe Organisationsstruktur verlangen.
Eine Menge der hier geschilderten Arbeit kann selbständig getan werden,
und wir wollen sehr dazu ermutigen. Viele der hier vorgestellten Ideen sind
immer noch Gegenstand unseres fortwährenden Forschens. Sie sind nicht als
unabänderlich zu betrachten, sondern können in Ihrem eigenen Dialog
hinterfragt werden.
Dialog soll ein freies Spiel sein, eine Art gemeinsamer Tanz unseres Geistes,
der trotzdem immense Macht hat und kohärenten Sinn ergibt. Einmal begonnen,
wird er ein ständiges Abenteuer, das den Weg für bedeutende und kreative
Veränderungen bereitet.