for annalisa milella











Der Wanderer ~


Wer nur einigermassen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich

auf Erden nicht anders fühlen, denn als Wanderer, ~ wenn auch nicht als Reisender nach

einem letzten Ziele: denn dieses gibt es nicht. Wohl aber will er zusehen und die Augen

dafür offen haben, was Alles in der Welt eigentlich vorgeht; desshalb darf er sein Herz

nicht allzufest an alles Einzelne anhängen; es muß in ihm selber etwas Wanderndes sein,

das seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit habe. Freilich werden einem

solchen Menschen böse Nächte kommen, wo er müde ist und das Tor der Stadt, welche ihm

Rast bieten sollte, verschlossen findet; vielleicht, daß noch dazu, wie im Orient, die

Wüste bis an das Tor reicht, daß die Raubthiere bald ferner bald näher her heulen,

daß ein starker Wind sich erhebt, daß Räuber ihm seine Zugthiere wegführen. Dann sinkt

für ihn wohl die schreckliche Nacht wie eine zweite Wüste auf die Wüste, und sein Herz

wird des Wanderns müde. Geht ihm dann die Morgensonne auf, glühend wie eine Gottheit des

Zornes, öffnet sich die Stadt, so sieht er in den Gesichtern der hier Hausenden

vielleicht noch mehr Wüste, Schmutz, Trug, Unsicherheit, als vor den Toren ~ und der Tag

ist fast schlimmer, als die Nacht. So mag es wohl einmal dem Wanderer ergehen; aber dann

kommen, als Entgelt, die wonnevollen Morgen anderer Gegenden und Tage, wo er schon im

Grauen des Lichtes die Musenschwärme im Nebel des Gebirges nahe an sich vorübertanzen

sieht, wo ihm nachher, wenn er still, in dem Gleichmaß der Vormittagsseele, unter

Bäumen sich ergeht, aus deren Wipfeln und Laubverstecken heraus lauter gute und helle

Dinge zugeworfen werden, die Geschenke aller jener freien Geister, die in Berg, Wald und

Einsamkeit zu Hause sind und welche, gleich ihm, in ihrer bald fröhlichen bald

nachdenklichen Weise, Wanderer und Philosophen sind. Geboren aus den Geheimnissen der

Frühe, sinnen sie darüber nach, wie der Tag zwischen dem zehnten und zwölften

Glockenschlage ein so reines, durchleuchtetes, verklärt-heiteres Gesicht haben

könne: ~ sie suchen die Philosophie des Vormittages.






                        ~   ~   ~






The wanderer ~


He who has come only in part to a freedom of reason cannot feel on earth

otherwise than as a wanderer ~ though not as a traveler towards a final goal, for this

does not exist. But he does want to observe, and keep his eyes open for everythinkg that

actually occurs in the world; therefore he must not attach his heart too firmly to any

individual thinkg; there must be somethinkg wandering within him, which takes its joy in

change and transitoriness. To be sure, such a man will have bad nights, when he is tired

and finds closed the gates to the city that should offer him rest; perhaps in addition,

as in the Orient, the desert reaches up to the gate; predatory animals howl now near,

now far; a strong wind stirs; robbers lead off his pack-animals. Then for him the

frightful night sinks over the desert like a second desert, and his heart becomes tired

of wandering. If the morning sun then rises, glowing like a divinity of wrath, and the

city opens up, he sees in the faces of its inhabitants perhaps more of desert, dirt,

deception, uncertainty, than outside the gates-and the day is almost worse than the

night. So it may happen sometimes to the wanderer; but then, as recompense, come the

ecstatic mornings of other regions and days. Then nearby in the dawning light he already

sees the bands of muses dancing past him in the mist of the mountains. Afterwards, he

strolls quietly in the equilibrium of his forenoon soul, under trees from whose tops and

leafy corners only good and bright thinkgs are thrown down to him, the gifts of all those

free spirits who are at home in mountain, wood, and solitude, and who are, like him, in

their sometimes merry, sometimes contemplative way, wanderers and philosophers. Born out

of the mysteries of the dawn, they ponder how the day can have such a pure, transparent,

transfigured and cheerful face between the hours of ten and twelve-they seek the

philosophy of the forenoon.





from :

friedrich nietzsche, 
"menschliches, allzumenschliches"

neuntes hauptstück:
"der mensch mit sich allein"

















the pit

thinkg.net